Christa de Carouge, Schwarz auf Weiß – Biografie von Georg Weber

„Ich entwerfe Behausungen für die Nomaden der Gegenwart“, beschreibt Christa de Carouge ihren Stil. „Meine Kleider sind so gestaltet, dass sie an jeden Ort Europas oder Asiens passen. Sie geben Grundgedanken wieder, die immer adäquat sind. Dazu gehört der Wunsch, in kurzer Zeit zu packen und zu neuen Zielen aufzubrechen.“ Das klingt spannend – schon alleine, weil ich zwangsläufig versuche, mir ein Banker-Meeting vorzustellen, bei dem alle Sitzungsteilnehmer schwarze wallende Gewänder tragen.

Ob man ihre Kleider mag oder nicht – einzigartig sind sie auf jeden Fall! Neugierig nehme ich daher die Biografie „Christa de Carouge Schwarz auf Weiß“ zur Hand, die Georg Weber verfasst hat und die im Römerhof-Verlag erschienen ist. Ein unkonventionelles Elternhaus, eine liebevolle Familie, Talent, Kreativität und Durchsetzungsvermögen: Das waren die Startbedingungen der Designerin Christa de Carouge, die 1936 geboren wurde.

Es wird erzählt, wie sie der Mutter beim Schneidern über die Schulter schaut, mit dem Vater, einem renommierten Küchenchef, sonntags das Kunsthaus besucht und bereits mit 12 Jahren Verantwortung für die jüngeren Geschwister übernehmen muss, als die Mutter schwer erkrankt. Christa hätte sich gut vorstellen können, Köchin zu werden, der Vater rät ihr davon ab: Frauen hatten in der damaligen Zeit keine Chancen, es zu etwas zu bringen in diesem Beruf. Also lernt die Grafikerin, wo sie von ihrem Zeichentalent profitiert.

Mit 20 Jahren bewegt sie sich in der Zürcher Intellektuellen-Szene und beschäftigt sich mit dem französischen Existenzialismus, liebt französische Chansons und amerikanischen Jazz. Christa Furrer, wie sie damals noch heißt, wechselt von ihrem Ausbildungsbetrieb zu einer größeren Werbeagentur und hat das Glück, künftig für Marken wie Thomy oder Tobler originelle Kampagnen entwerfen zu können, wobei man ihr weitgehend freie Hand lässt.

Gemeinsam mit ihrem ersten Mann, der in der Textilbranche arbeitet, eröffnet sie 1965 in Genf ihr erstes Ladenlokal, die „Boutique pour Monsieur“, noch ohne eigene Entwürfe aber mit einem ausgefallenen Sortiment. Die Boutique ist erfolgreich, die Ehe jedoch scheitert und wird 1971 geschieden. Eine zweite Ehe dauert nur wenige Monate und wird auch im Buch eher im Nebensatz erwähnt. 1978 gründet sie ihr eigenes Geschäft im Genfer Vorort Carouge und nimmt den Namen „Christa de Carouge“ an. Die erste Modenschau mit ausschließlich schwarzen Kleidern gibt es 1983. Die Schnitte sind geprägt von klaren Linien und vermeiden es, die Körperformen zu betonen. Innerhalb von drei Wochen ist die Kollektion ausverkauft. Anhänger dieses avantgardistischen Stils sind vor allem Künstler, Galeristen und Werbeleute.

Das ist der Durchbruch: Christa der Carouge hat es geschafft, sich einen Namen zu machen. In der Presse wird über sie berichtet, das Schweizer Fernsehen bittet sie, Kostüme für die Sendung „Yoga“ zu entwerfen. 1988 wird die Zweigstelle in der Mühle Tiefenbrunnen in Zürich eröffnet, die ab 2004 bis zur Schließung 2013 der einzige Standort ist. Sie hat ein Geschäft in  Wien und Vertretungen in Deutschland.

Man erfährt in „Schwarz und Weiß“ vieles über ihre Gestaltungsphilosophie und über ihren Perfektionismus, der unter anderem in die permanente Suche nach den idealen Materialien mündet. Dabei klingen die Sätze oft ein wenig hölzern und – vielleicht durch allzu häufigen Gebrauch? – abgeschliffen. Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, hier nur ein Zitat, aus einer Passage über ihren Aufenthalt in Tibet: „Der Mensch ist in diesen kargen Gebirgsgegenden unmittelbar mit dem Elementaren konfrontiert. Die Einfachheit des Daseins, aber auch die Bereitschaft der Bewohner, das wenige zu teilen, das sie besaßen, bildeten den Maßstab, an dem ich meine Entwürfe ausrichten wollte.“

Die Formulierung zeigt, was ich in dem Buch von Georg Weber vermisst habe: Lebendigkeit. Allzu oft bekam ich das Gefühl, dass in dem Buch das Idealbild einer Ikone gezeichnet wird und nicht ein facettenreicher, lebendiger Mensch mit Emotionen, Stärken und Schwächen. So viele Fragen bleiben für mich offen: Wie hat es sich für sie angefühlt, an der tibetischen Neujahrs- und Frühlingsfeier teilzunehmen, von der dort die Rede ist? Wie waren die Farben und Gerüche? Wie hörten sich die Stimmen an und die Musik? Wie war es, als die Stoffe raschelten und welche Decke legte man ihr um, als sie fror? Was genau hat sie inspiriert? Vielleicht war dies ja der Wunsch der so Portraitierten – vielleicht wollte sie nicht mehr von sich preisgeben, nichts von ihrer weichen und verletzlichen Seite zeigen, die es sicher auch gibt.

So aber empfand ich beim Lesen oftmals durch den Stil des Buches eine seltsame Distanz zu den Personen. Beispielsweise wird Christas erster Ehemann in der Bemühung um Abwechslung meistens als „Textilfachmann“, „Modeexperte“ oder „Christas Freund“ tituliert, während das simple „Rudi“, das die größte Nähe vermittelt, nur selten zum Einsatz kommt. Das gipfelt dann in Sätzen wie: „Der Textilfachmann ermunterte seine Freundin, ihn in die Westschweiz zu begleiten, erwähnte Heiratspläne und fand freudige Zustimmung.“ Schade, dachte ich beim Lesen dieser Passagen, in denen Christa selbst meistens als „die Graphikerin“ beschrieben wird, und fragte mich zum wiederholten Male, wie das Buch wohl wirken würde, wenn es in der Ich-Form als Autobiografie geschrieben wäre. An vielen Stellen hätte ich gerne mehr über den Menschen Christa de Carouge erfahren.

Der Autor Georg Weber muss viele Stunden mit ihr in Gesprächen verbracht haben – wobei man auch dazu eigentlich nichts erfährt. Wie ist das Buch eigentlich entstanden?  Etwas ratlos las ich die Danksagung am Schluss, ohne auf Christa de Carouges Namen zu stoßen, bis ich im Vorwort ein Sätzchen fand, das ich zuvor wohl überlesen hatte – und da stand, dass die „Biographie im engen Kontakt mit der Modemacherin“ verfasst wurde.

Das Buch ist für alle interessant, die mehr über die Karriere, den Werdegang und die Philosophie der Kleidermacherin Christa de Carouge erfahren wollen und etwas über den intellektuellen Zeitgeist, der in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts vorherrschte. Außerdem für alle, die sorgfältig gestaltete Bücher mögen: Layout und Satz sind ästhetisch besonders ansprechend und der umfangreiche Fototeil (natürlich in Schwarzweiß) am Schluss des Buchs ein echter Höhepunkt! Es macht Freude, das Buch in die Hand zu nehmen.

Georg Weber
Christa de Carouge
Schwarz auf Weiß
255 Seiten inklusive Anhang mit tabellarischer Übersicht über Lebensdaten und Kollektionen sowie rund 100 Seiten mit Fotos.

Hier gehts zur Homepage des Römerhof-Verlags, wo man noch mehr dieser schön gestalteten Biografien findet: