Sagen Sie jetzt nichts – Loriot auf Schloss Elmau

Schloss Elmau, der Ort des kommenden G7-Gipfels, ist in diesen Tag in aller Munde und auf den Titelseiten der Tageszeitungen. Das hat der Herr Hoteldirektor Dietmar Müller-Elmau raffiniert eingefädelt, nein wirklich, Respekt vor seinem Lebenswerk und der Konsequenz mit der er seine Ziele in die Tat umsetzt. Ich nutze die Gelegenheit, und poste einen Bericht, den ich 2011 geschrieben habe, anlässlich des Todes von Loriot, dem wir einmal begegnet sind – genau, auf Schloss Elmau. Und weil es so schön ist (das Schreiben und das Hotel) folgt demnächst ein weiterer Bericht.


 

Bericht von 24. August 2011

Jetzt gibt es ihn nicht mehr. Loriot. Muss ich sagen, dass ich ein großer Fan von ihm bin? Doch über seine Qualitäten als Humorist und Menschenkenner ist vermutlich schon alles geschrieben worden und dem ist nicht viel hinzuzufügen. Komiker werden in diesen Tagen auch gerne gefragt, ob sie ihn persönlich kennen gelernt haben. Mich fragt keiner danach, daher erzähle ich ohne Aufforderung davon, wie wir ihm einmal in einem Hotel begegnet sind. Also mehr so am Frühstücksbuffet oder beim Abendessen. Nicht dass wir miteinander gesprochen hätten, doch immerhin, wir hatten dasselbe Urlaubsziel gewählt: Schloss Elmau, zwischen Garmisch-Partenkirchen und Mittenwald.

Heute ist Schloss Elmau immer noch ein traumhaft schöner Ort – aber leider unbezahlbar. Nachdem es 2005 zu großen Teilen abgebrannt ist, hat man es als 5 Sterne Superior-Hotel wieder aufgebaut. Vicco von Bülow war oft und gerne dort, viele Sketche und das Script zum Film Ödipussi soll er in Zimmer 118 geschrieben haben. In jenem Jahr (so etwa um das Jahr 2000 herum) war er mit seiner Familie dort, sie teilten sich einen großen Tisch. Am Abend wurde im Großen Saal getanzt und Loriot schaute eine Weile lang zu, bevor er sich zurückzog. Dazu muss man wissen, dass der Tanz in Schloss Elmau eine lange Tradition hat. Seit den 20er Jahren tanzt man dort zu elegischer oder auch schwungvoller Klaviermusik langsame und schnelle Walzer, Ländler, Polka oder eben die Quadrille. Bei der Quadrille stehen sich jeweils zwei Paare im Quarré gegenüber und man tanzt eine einigermaßen komplizierte genau festgelegte Abfolge von Schritten, teilweise auch sehr schnell, so dass man durchaus aus der Puste kommen kann. Der Gründer von Schloss Elmau, Johannes Müller, ein evangelischer Theologe, hatte dies in der Anfangszeit des Hotels (gebaut 1918) so eingeführt – und dabei blieb es auch über viele Jahrzehnte hinweg. Außerdem gab (und gibt) es Kammermusikabende auf allerhöchsten Niveau. Menuhin war beispielsweise auch Stammgast auf Schloss Elmau.

Wir besuchten das Hotel zum ersten Mal vor etwa 20 Jahren – ohne freilich dort zu wohnen. Das konnten wir uns als Studenten nicht leisten. Doch mein Begleiter (und späterer Ehemann) kannte sich bestens aus, so dass wir uns unauffällig unter die Hotelgäste mischten und von der Galerie aus beobachtete ich meine erste Quadrille. Man sah ältere und mittelalte Damen mit langen Kleidern und rüstige Herren, jenseits der 70, die mit vielen jungen Leuten, vorwiegend barfuß, auf dem Parkett umherwirbelten. Denn damals beschäftigte man vorwiegend noch freiwillige „Helfer/innen“ statt professionellem Personal und das Jungvolk durfte ebenfalls zu den Konzerten und zum Tanz. An jenem Abend blieben wir Zaungäste. Doch gut 10 Jahre später tanzten wir eben in genau diesem Saal Seite an Seite mit der Familie der von Bülows die Quadrille – und Loriot schaute zu bevor er leise verschwand – vermutlich mit einem Lächeln auf den Lippen.

Schloss Elmau war damals noch ein Ort wie aus der Zeit gefallen, wenn auch schon mit ersten Auflösungserscheinungen. Wunderschön gelegen in einem Tal am Fuße des Wetterstein-Gebirges, mit Alpwiesen ringsumher und mit Ideen und Ritualen, die so gar nicht zum modernen Tourismus passen wollten. Als wir das erste Mal dort wohnten gab es beispielsweise noch die Tischordnung, welche täglich neu von der Elmauer Hausdame festgelegt wurde. Man durfte sich also nicht aussuchen bei wem man sitzt sondern saß jeden Abend mit anderen Leuten an großen Zehnertischen. Am Kopfende saß die Präsidentin, meistens eine ältere Dame, die als einzige das Essen eröffnen durfte. Keine Frage also, dass man pünktlich zu sein hatte. Es war ein Hotel mit dem Gemeinschaftssinn einer Jugendherberge. Doch alle Besonderheiten von Schloss Elmau zu beschreiben würde viel zu lange dauern. Etwa auch die Eigenheit, dass viele Menschen davon berichten, sich dort unsterblich verliebt zu haben. Jedenfalls bin ich froh, diesen ungewöhnlichen Ort kennen gelernt zu haben, bevor seine Zeit endgültig abgelaufen war und einem exklusiven Wellness-Tourismus Platz machte. Der heutige Geschäftsführer ist übrigens einer der zalhreichen Enkel von Johannes Müller. Überhaupt begegnet einem in Film oder Funk ab und zu der Name Müller-Elmau. Dies sind alles Nachkommen des fruchtbaren und ideenreichen Johannes Müller. Irgendwann, wenn wir uns mal etwas Besonderes gönnen wollen, werden wir wieder hinfahren. Nicht für 2 Wochen aber vielleicht für ein langes Wochenende. In Gedenken an die Großmutter meines Mannes, die in den 20er Jahren mit Johannes die Quadrille getanzt hat. Es gibt jetzt einen neuen Wellnessbereich mit einem Swimming-Pool auf dem Dach. Dort schwimmt man mit Blick auf die Berge in den Sonnenuntergang. Vielleicht wohnen wir dann auch in Zimmer 118 und baden zusammen mit Herrn Müller-Lüdenscheid in einer Badewanne. Wer weiß.