Das Haus meiner Kindheit

Das Haus meiner Kindheit stand auf einem Berg mit dem Rücken zum Wald und mit dem Gesicht zur Stadt. Es war ein großes Haus in einer kleinen Stadt und ein bisschen war es so, als würden wir über allen anderen dort oben thronen. Ich war noch ein Baby, als wir einzogen und der erste Raum, den ich kennenlernte, was das Badezimmer, da ich schrie wie am Spieß und dieser Raum der einzige war, bei dem man die Tür verschließen konnte. So wurde es mir später berichtet. Meine Eltern waren Jugendherbergseltern, ein Beruf, den es in dieser Form heute gar nicht mehr gibt – aber das ist eine andere Geschichte.

Der Mittelpunkt des Hauses, sowohl gefühlt als auch tatsächlich, war die große Küche, in der vor Weihnachten Berge von Plätzchen gebacken wurden. Die Feiertage lagen dicht beieinander damals: Nikolaus, Weihnachten, Silvester und mit ein bisschen mehr Abstand folgte Ostern, das mir von allen fast das liebste Fest war. An Ostern wurden keine Plätzchen gebacken sondern Osterlämmer und Osterhasen aus Biskuit. Die Formen waren alt, zumindest sahen sie alt aus, das Metall schon etwas angeschlagen und an manchen Stellen fleckig. Die zwei Hälften der Form wurden von Klammern zusammen gehalten und unten gab es große Klammern, die gleichzeitig als Fuß dienten. Denn gebacken wurden die Lämmchen und Häschen auf dem Kopf und es war jedes Mal ein kleines Wunder, wenn man sie aus der Form gelöst, mit Puderzucker bestäubt und ihnen ein rotes Schleifchen um den Hals gebunden hatte. Wie hübsch und brav sie aussahen, eigentlich zu schade zum essen. Der Großvater, den ich nie Großvater nannte sondern immer „Opa“, hielt ein paar Jahre lang auch echte Hasen (wahrscheinlich eher Kaninchen), die noch viel niedlicher waren und die ebenfalls gegessen wurden, wobei niemand Appetit auf Kaninchen hatte, wenn es soweit war. Ich weiß nicht, wer davon aß, mein Vater vielleicht („Vati“), der hatte eine andere Einstellung dazu. Eine vernünftige. Er hatte früher einmal Schweinezüchter werden wollen, erzählte er, was bedeutete, das er die kleinen Schweinchen oder auch die großen hätte schlachten müssen. Er hätte ja nicht endlos Schweine züchten können nur zum Anschauen, das wäre ja sinnlos gewesen.

Wie auch immer, er war nicht Schweinezüchter, sondern Herbergsvater geworden, züchtete also keine Schweine sondern hütete Kinder. Er tat das übrigens auf eine sehr freundliche und gelassene Art, kein Mann vieler Worte, obwohl das eigentlich gar nicht stimmte. Er war nur langsamer darin, sich auszudrücken und die gerade passende Formulierung zu finden, so dass die Mutter („Mutti“) meistens schneller war und schon – ratzfatz ­ – gesagt hatte, was er gerade dachte. Meistens war er einverstanden mit dem Ergebnis dieser ehelichen Kooperation, so vermutete ich wenigstens.

Wenn mir langweilig war, ging ich manchmal „Vati suchen“. „Der ist im Haus“, hieß es dann, oder, „der ist in der Werkstatt“, oder, „der ist im Ostbau“. Ostbau war der Name für den Teil des Hauses, der, wie man sich denken kann, östlich lag, da wo die Sonne aufging, nur dass mir das als Kind überhaupt nicht bewusst war. Ich brachte das Wort nicht mit einer Himmelsrichtung in Verbindung, eher war es ein Zustand, so wie auch „im Ostbau sein“ ein Zustand war. Für meinen Vater war es natürlich ein Synonym für Arbeit. Zum Glück tat er eigentlich nichts, bei dem man als Kind nicht hätte dabei sein können. Meistens musste er irgendetwas reparieren, das eine Schulklasse aus Hamburg oder München kaputt gemacht hatte oder die Kindergruppe aus Kusel, die immer in den Sommerferien kam und sechs Wochen blieb. Das heißt, die Betreuer blieben sechs Wochen, die Kinder wurden in der Zeit ein- oder zweimal ausgetauscht. Ein paar Jahre lang, als ich das passende Alter hatte – denn jeden Sommer kamen neue sechs-, sieben- oder achtjährige Kinder, während ich selbst älter wurde – in diesen Jahren also, als das Alter stimmte, freundete ich mich manchmal mit einigen der Kinder an, machte bei Ausflügen und bunten Abenden im großen Tagesraum mit, wo dann Spiele wie „Armer schwarzer Kater“ oder „Stühle riechen“ gespielt wurden. In einem dieser Sommer erhielt ich auch meine erste Liebeserklärung, die sich irgendwie verschwitzt und klebrig anfühlte und für die ich extra mit nach draußen hatte kommen sollen, also ins Freie, wo wir dann an der Hausecke standen. Den betreffenden Jungen hatte ich vorher nicht bemerkt und ich wusste zu keinem Zeitpunkt so richtig, wie er aussah und schon gar nicht, was er von mir erwartete.

Die Sommer damals waren lang und heiß, mit dunklen Gewitternachmittagen und eimerweise Heidelbeeren und Brombeeren, die im Wald hinter dem Haus wuchsen. Mit einer Gruppe von 40 Kindern konnte man eine Menge Beeren sammeln, selbst wenn die Hälfte keine Lust zum Sammeln hatte und lieber Blödsinn machte. Zum Abendessen gab es dann Heidelbeerpfannkuchen, die meine Mutter in der großen Kippbratpfanne briet. Die Brombeeren wurden zu Marmelade verarbeitet (davon gab es nicht ganz so viele, es war sehr mühsam, sie zu sammeln, wegen der Stacheln) und die Pflaumen, auch Zwetschgen genannt, die mein Großvater und mein Vater pflückten, wenn es „ein gutes Pflaumenjahr“ war, zu Pflaumenmus, nach dem dann das ganze Haus duftete, von der Küche bis in die Wohnung, obwohl ein langer Gang dazwischen lag.

Das Wort „Kippbratpfanne“ gehörte übrigens in dieselbe Kategorie, wie das Wort Ostbau, dass die Begriffe „kippen“ und „braten“ darin vorkamen, war mir als Kind nicht bewusst, obwohl ich mich manchmal mit dem kleinen Bruder um das Privileg stritt, die Kurbel zu betätigen, welche den Kippmechanismus in Gang setzte, so dass der Rest Öl, Bratensatz oder Soße durch den schnabelförmigen Ausguss in die bereitgestellte Schüssel gestrichen werden konnte. Die Kurbel war bequem in Kinderhöhe angebracht, während Erwachsene sich bücken mussten.

Auch in der Küche, eigentlich das Reich meiner Mutter, war mein Vater gelegentlich anzutreffen. Er liebte es, in einem kleinen subversiven Akt den Gulasch nachzuwürzen, war regelmäßig zu Diskussionen führte. Außerdem war er dafür zuständig, die Schnitzel platt zu klopfen oder die Petersilie zu hacken, die mein Großvater in seinem Garten erntete, den er jedes Jahr auf Neue dem Wald abtrotzte. Die gehackte Petersilie diente als Dekoration für die Suppenterrinen oder wurde über die Kartoffeln gestreut, und die Sträußchen, die dem Hackmesser entkamen, zierten am Abend die Wurst- und Käseplatten – manchmal in aufgeschnittene Tomaten gesteckt, die dann wie kleine Henkelkörbchen aussahen, was ich besonders hübsch fand.

Ein Ort, den meine Mutter eigentlich nicht betrat und an dem nur „Vati“ und „Opa“ anzutreffen waren, war die Werkstatt. Mein Großvater war früher Stellmacher gewesen. (Auch so ein Wort). Er hatte in seiner schlesischen Heimat Wagenräder gebaut aus Holz, und das tat er auch jetzt noch gelegentlich, obwohl die Räder natürlich eigentlich nicht mehr gebraucht wurden. Er konnte Bollerwagen bauen und überhaupt alles, was aus Holz war: Zäune, Kaninchenställe und Leitern, mit denen er und mein Vater auf die Zwetschgen-, Kirsch und Apfelbäume kletterten. Er tat das bis zuletzt, als man ihn, da war er schon über 90, mitten im Winter mit der geschulterten Leiter antraf, weil er vergessen hatte, dass man Früchte nur im Sommer und im Herbst ernten kann und nicht im Winter, wenn Schnee liegt. Im Herbst war er meistens mit Besen, Schaufel und Schubkarre unterwegs, um die Blätter aufzukehren, die der näher rückende Wald in den Hof fallen ließ, eine schier endlose Aufgabe, die ihn jedoch nie zu ermüden schien.

 

Dieser Bericht entstand in einem Workshop der Poesie- und Bibliotherapie.